Friday, 6 March 2009

Friedliche Zeiten in Khalil

Der Tag beginnt für uns mit unserer wichtigsten Aufgabe, dem „school run”.
Wir begleiten palästinensische Kinder von Klasse 1 bis Klasse 10 auf ihrem Schulweg zu und von der „Qurtoba School“ in Tel Rumeida.
Tel Rumeida ist der Teil von Hebron, der am meisten mit dem biblischen Hebron assoziiert wird. Das macht ihn für extrem religiöse jüdische Siedler so bedeutsam. Seit 1980 gibt es eine religiöse Schule in einem ehemaligen Altenheim. 250 Schüler leben Seite an Seite mit einem Militärcamp. Zwei weitere Siedlungen runden die jüdische Gemeinde in Tel Rumeida auf etwa 400 Personen auf und bieten Gesundheitsversorgung, Kinderbetreuung, Freizeitangebote, sowie ein Hostel.
Hebron ist die einzige Stadt in der Westbank, die durch Siedlungen direkt in der Stadt betroffen ist.
1500 israelische Soldaten, die zum Schutz der in Israel als terroristische Vereinigungregistrierten Siedlergemeinde abkommandiert sind, sorgen für deren absolute Narrenfreiheit.
Wir betreten Tel Rumeida durch den Ceckpoint 56, der den palästinensisch verwalteten Teil der Stadt (H1) mit dem komplett israelisch kontrollierten Teil Hebrons (H2) verbindet. Diese Aufteilung war eine Folge der Osloer Vereinbarungen 1997.
Der „Grenzübergang“ ist für uns inzwischen schon Routine geworden.
Fast, denn die erste Sorge ist: „Lassen Sie uns rein?” Wir sind drin. Das ist gut. Wir laufen die Shuhada Street hinunter, bis zu einer recht derangierten Treppe, die uns rechts den Berg hinauf zur Qurtoba Schule führt.
Hier ist die nächste Frage „Kommen wir durch Ceckpoint 55?” Der Trick hierbei ist, an der israelischen Polizei vorbeizukommen. Oft treffen wir sie morgens neben dem Soldaten am Fuße der Treppe an. Bisher hatten wir Glück, allerdings werden sie nicht müde uns darauf hinzuweisen, dass wir nichts weiter als Touristen seien, die sie jederzeit des Ortes verweisen können. Nur dank der großzügigen Haltung der Polizei, die hier das regulative Organ für die Siedler ist, dürfen wir die Kinder begleiten. Aber bitte schnurstracks in die Schule und zurück und nicht auf dem Weg postieren. Unser “sinnloses Herumlungern” wird von den Siedlern in der gegenüberliegenden Beit–Hadassah Siedlung als Provokation empfunden. Die legale Grundlage für die Anweisungen der Polizei ist die Tatsache, dass Tel Rumeida bis Dezember 2009 eine geschlossene Militärzone ist. Für uns besonders ärgerlich, denn schließlich lassen sich nicht alle 176 Kinder gleichzeitig wie eine Horde Schafe in die Schule treiben. An guten Tagen postieren wir uns daher in Abständen auf dem Weg und warten, bis alle Kinder von Klasse 1 bis Klasse 10 inklusive Lehrern in der Schule sind. Im Falle von Übergriffen (meistens bedeutet das Steine werfende Siedlerkinder), rufen wir Ansprechpartner für Polizei und IDF an, machen Fotos und rennen, wenn es Not tut.
Heute haben wir wieder Glück. Es bleibt ruhig.
Unterbrochen von zaghaftem bis strahlenden Austausch von “Saba Alcher” “Saba Alnur” (Guten Morgen) mit unseren Schützlingen, sehe ich mich um in Tel Rumeida.
Am Fuß der Treppe, die zur Schule führt liegt der Teil der Shuhada Street, der für Palästinenser gesperrt ist. CP 55 stellt sicher, dass das Verbot auch eingehalten wird. Wie so vieles andere auch, sorgt diese Tatsache für lange Umwege im Alltag. Ein paar Siedler kommen in ihren Autos an, bringen ihre Kinder in Schule und Kindergarten und ziehen ihrer Wege. Eigentlich ganz normal.
Aber nur für eine Sekunde. In dieser surrealen Situation ist nichts normal, kann nichts normal sein. Die Al-Shuhada verbindet den westlichen mit dem östlichen Teil der Stadt. Drei von vier Siedlungen in Tel Rumeida liegen hier. Zu Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 wurde die Straße „versiegelt“. Die türkisblauen Türen der palästinensisch bewohnten Häuser rechts und links entlang der Straße sind nach wie vor verschweißt, von einigen Balkonen weht die israelische Flagge. Die Okkupation palästinensischer Häuser gehört zur Strategie der Siedler. Oft brachen sie nachts in die Ladengeschäfte ein, warfen alle Waren auf die Straße und erklärten, dies sei nun ihr Haus. Zu dieser Taktik gehört das Durchbrechen der Wände zum Nachbarhaus, auf diese Art und Weise besetzten sie einen Großteil der Straße.
Seitdem wir hier sind, ist nichts dergleichen passiert, Inshallah. Welch absurde Welt, in der wir uns über so etwas freuen. Zurückgegeben wird hier nichts.
Die Schulglocke läutet und unterbricht mich in meinen Gedanken. Auf zur obligatorischen Tasse Tee mit Reem, der Rektorin der Qurdoba School. Reem ist eine der unglaublichen Persönlichkeiten, die dieser im wahrsten Sinne des Wortes ver-rückten Situation mit ungebrochener Energie trotzen.
Sie berichtet uns von einem Artikel den sie über ihre Arbeit schreibt und wie sie ihn „don´t follow your heart“ nennt, denn in Tel Rumeida dürfte man nur überlegt handeln – in jedem Moment. Ich denke daran, wie Reem und ihre Lehrerinnen vor ein paar Tagen trotz wartender Familien zu Hause und manch wichtigem Termin drei Stunden am CP 56 ausgeharrt haben, ohne durch den Container zu gehen. In diesem Container befindet sich ein Metalldetektor, den alle Passierenden durchschreiten müssen, wenn sie nach Tel Rumeida hinein oder (kurioserweise) wenn sie hinaus in das palästinensisch kontrollierte Stadtgebiet (H2) wollen.
Die Lehrerinnen haben eine Vereinbarung mit der IDF, dass sie durch die Seitenpforte neben dem Checkpoint passieren dürfen. Die Vereinbarung sollte den Dienst habenden Soldaten vorliegen, tut sie aber nicht immer, bzw. selbiges behaupten die Jungen in Uniform mitunter und stützen sich dabei gerne lässig auf die M16 vor ihrer Brust.
Nach langem Warten und unzähligen Telefonanrufen bekommen die Lehrerinnen ihr Recht und machen sich auf den Heimweg. Der Preis der Würde ist der kaputte Alltag.
Die Alltäglichkeit ist es, die diese absurde Situation auf die Spitze treibt. Für mich gehört es hier zu meiner Arbeit, täglich durch Checkpoints zu laufen, mit Soldaten zu sprechen, die gar nicht merken, wie sie mit ihren Maschinengewehren im Gespräch ganz beiläufig und unabsichtlich auf mich zielen. Ich gewöhne mich an diese bizarre Szenerie, die auch an sonnigen Tagen von einer in der Luft fast greifbaren Spannung begleitet wird. Ich wusste vorher, dass ich durch die gespenstisch wirkende Shuhada laufen würde, deren von Palästinensern bewohnter Teil durch Gitter und Stoffkonstruktionen vor Fenstern und Balkonen gekennzeichnet ist. Mir war klar, dass in dieser einst so belebten Straße kein einziges Geschäft, kein Coffee Shop mehr übrig ist. Mir war auch klar, dass die Bewohner der Altstadt von Hebron und die Schülerinnen und Schüler der Qurtoba School täglich mit Steinwürfen rechnen müssen. Ich bin hier, weil ich das wusste und weil ich es mir ausgesucht habe.
Ich hatte die Wahl.
Die Frage der Wahlmöglichkeiten beschäftigt mich weiter, während wir uns zurück durch den Checkpoint auf den Weg in den alten Souk machen, vorbei an Obst und Gemüseständen, unserem Lieblings-Shawarmarestaurant und vielen Läden, deren obskure Auslagen selten auf die Art der hier feilgebotenen Waren schließen lassen. Mit zunehmender Nähe zum Souk wechselt die Szenerie. Viele Läden wurden auch hier geschlossen. Das einst belebte kommerzielle Zentrum des Westjordanlandes gleicht streckenweise einer Geisterstadt. Auch der angrenzenden Obst- und Gemüsemarkt, auf dem die Bauern der Umgebung ihre Waren anboten wurde aus Sicherheitsgründen verboten.
Wir gehen weiter über einen Platz, den wir den SIDA (Swedish Development Cooperation Agency) Square nennen. Er wird von der Hebron Rehabilitation Society renoviert und von der schwedischen Entwicklungsbank finanziert. Rechter Hand die Kaserne, geradezu auf dem Dach der nächste Wachposten. Überhaupt gibt es hier fast keine Dächer, auf denen sich keine Soldaten finden.
Im Souk treffen wir Nawwal, die verzweifelt gegen eine durch nächtlichen Regen verursachte Überschwemmung ihres Shops ankämpft. Ein Drittel ihrer Waren ist durchnässt und von Schlamm bedeckt. Nawwal ist die einzige Frau die hier einen Laden hat, das sagt eine Menge. Sie verkauft wunderschöne Handarbeiten einer Frauenkooperative aus umliegenden Dörfern. Wir lieben sie für ihren Witz, ihre Herzlichkeit und ihr wunderbares Frühstück.
Heute morgen sehe ich sie das erste Mal weinen.


Über Nacht ist der Abwasserkanal übergelaufen und in allen Läden, die etwas abfällig liegen, steht das Wasser. Die Abwasserleitungen in der Altstadt müssten erneuert werden, aber scheinbar verweigert die IDF hierfür die entsprechende Genehmigung. Nawwal erzählt uns, dass die Stadtverwaltung nachts Arbeiter geschickt hat, um Schadensbegrenzung zu betreiben.
Die Soldaten der Nachtwache hielten das scheinbar für keine gute Idee und hinderten die Arbeiter an der Schadensbegrenzung. Insgesamt 101 Straßensperren an den Zugängen zum Souk ermöglichen dem Militär volle Kontrolle über die Altstadt.
Nawwal und Leyla, ihrer Schwester, tragen eifrig Sachen zur Familie Quenebe, die ein paar Häuser weiter wohnen. Fatima Quenebe fängt damit an, die verschmutzten Kleider, Taschen und Portemonnaies zu waschen, während Nawwal und Leila Wasser und Schlamm aus den zwei kleinen, gegenüberliegenden Läden spülen.

Die Quenebes sind eine der Familien, nach deren Wohlbefinden wir uns regelmässig erkundigen. Sie leben Wand an Wand mit einer Siedlung, oft werfen die Nachbarn Steine, Wasser oder Unrat durch die Fenster. Heute aber wird die Existenz von anderer Seite bedroht.
Leyla kommt um Fatima zu helfen und ich gehe, um zur Abwechslung einmal selber Frühstück für alle zu kaufen. Außer ein paar Anrufen kann ich mehr nicht tun. Als ich zurück bin, ist Nawwal schon wieder fast die Alte: „These things happen, what can we do“. Andere Läden seien viel schlimmer betroffen meint sie und ich solle doch noch ein paar Fotos von dem Mann machen, der alles verloren habe. Sein ganzer Laden steht unter Wasser und er ist seit Stunden damit beschäftigt, eimerweise Wasser in die Straße zu schaufeln.
Nach dem Frühstück werden wir wie immer genötigt, die Reste mitzunehmen. Schließlich verdienen wir kein Geld und haben doch sicher später wieder Hunger. Das von jemand, der gerade ein Drittel seiner Waren verloren hat, für die die Produzentinnen erst nach Verkauf bezahlt werden. So sind die Menschen in Hebron. Kein Weg ohne Checkpoint, kein Alltag ohne tausend Hindernisse, verweigerte Genehmigungen und Nachrichten, die keiner hören will und sie verlieren nie ihren Humor, ihre Nächstenliebe und ihren eisernen Willen weiterzumachen.
Wir verlassen Nawwal und machen uns auf den Weg zur Moschee. Über uns die Drahtnetze, die zum Schutz gegen Müll, Flaschen mit Urin und Steine, die aus den Siedlungen geworfen werden. Wir passieren den Checkpoint an der Moschee problemlos, laufen den Weg hinunter durch die Straßensperre, die Touristen davon abhält die wenigen Läden zu Füßen der Moschee zu besuchen. Kurzer Halt im immer warmen Pottery Shop gegenüber des Gutnick Centres, dem jüdischen Gemeindezentrum. Wie immer tönt hier lautstarke religiöse Musik aus Lautsprechern auf die Straße. Ich verstehe nicht viel, nur das wiederkehrende Shalom im Text macht mich wie immer langsam aggressiv. Ich nenne das Musikterrorismus, ich kann keine Spur Frieden in diesem scheinbar so harmlosen Tag finden.
Zermürbungstaktik der besonderen Natur.
Die Jungs im Pottery Shop freuen sich trotzdem uns zu sehen. Sie machen uns Kaffee und gehen unbeirrt ihrer Arbeit nach.
Wir machen uns wieder auf den Weg, Richtung Wadi al Hussein. Bei der nächsten Straßensperre denken wir, hier muss vor zwei Wochen der 14-jährige Junge erschossen worden sein. Er hatte bei einer Demonstration mit Steinen auf die Soldaten geworfen, das war sein Fehler. Es scheint schon lange her. Niemand spricht mehr darüber, dass die Militärregeln vorschreiben, hier nicht mit scharfer Munition in die obere Körperhälfte zu schießen.
Diese Kugel ging unter der Achsel hindurch direkt ins Herz.
Langsam kommt die Sonne durch die Wolken und wir sind wieder in der Gegenwart.

Unser Weg führt uns weiter ins Wadi al Hussein. Hier leben viele Familien in unmittelbarer Nähe zur Siedlung Kiryat Arba mit mehreren tausend Einwohnern. Gemäß der Vierten Genfer Konvention ist es einer Besatzungsmacht nicht gestattet, Zivilbevölkerung innerhalb des besetzten Gebietes anzusiedeln. Das bedeutet im Klartext, alle Siedlungen in der Westbank sind illegal. Wir versuchen so oft wie möglich an Freitagen und Samstagen hier zu sein. Angriffe auf Palästinenser gehören sozusagen zum Wochenendritual vieler Siedler.

Im Wadi wartet das nächste Glas Tee auf uns und fröhliches plaudern mit den Frauen einer Familie, die Männer sind bei der Arbeit.
Gute Nachrichten. Alles war ruhig und wir plaudern über Kinder, warum die komischen Europäerinnen auch im hohen Lebensalter (35) noch nicht verheiratet sind und dass es - inshallah – schon noch werden wird.
Langsam wird es Zeit für die zweite Hälfte des school runs. Wir laufen zurück über den Berg am „ Rajabi House“ vorbei. Im März 2007 war es von Siedlerfamilien in Besitz genommen worden. Als das oberste Gericht Israels wegen ungeklärter Besitzverhältnisse gegen die temporären Bewohner entschied, verschanzten sich hier hunderte radikale Siedler. Seit der spektakulären Räumung im Dezember 2008 steht es leer. Auf dem Friedhof sind Grabsteine mit Davidsternen und Beschimpfungen verschmiert. Die Räumung hatte eine ganze Serie von Angriffen auf Palästinenser zu Folge.
Den Berg hinunter durch den Souk, zurück durch Checkpoint 56, an 55 vorbei zurück zur Schule. Wir verteilen uns auf dem Weg und warten bis auch Reem die Schule verlässt.
Ihre Energie ist ungebrochen, sie gibt uns ein strahlendes „Marsalame“ mit auf den Weg. Ich komme kurz ins plaudern, sehe den skeptischen Soldatenblick von gegenüber und murmele Reems Mantra vor mich hin – hier zählt nur der Verstand. Auch an friedlichen Tagen.
„Don´t follow your heart“

2 comments:

  1. Sehr spannend Sue, da will ich mehr von lesen...da musst du dann einfach mehr von schreiben...norbert

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  2. Danke für den ausführlichen Bericht. So kann man sich das alles mal bildlich vorstelllen. Und der Wunsch wächst bei mir, so etwas selbst zu machen.
    Alles Gute und hoffentlich bald mehr....
    Verena

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